Tipps für neurotypische Menschen sind wenig hilfreich

Jeder hat doch mal Probleme, sich zu organisieren, oder? Jeder verliert oder verlegt mal etwas, vergisst einen Geburtstag oder jemandem zu Antworten. Klar.

 

Jeder ist mal „mit seinen Gedanken woanders“ oder „nicht ganz auf der Höhe“. Jeder „kommt mal schwer aus dem Bett“. Natürlich.

 

„Jeder ist doch mal etwas anders.“

 

So ist das. Aber nicht jeder leidet darunter. Und nicht jeder fragt sich das Leben (oder hoffentlich maximal das halbe Leben) lang, ob etwas vielleicht ganz grundlegend nicht stimmt. Da sind solche Verallgemeinerungen wenig hilfreich, manchmal sogar schädlich.

 

Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, an einem selbst, an der Rolle in der Gesellschaft etc. etc.

 

Jeder hat mal Probleme, sich zu organisieren, das heißt aber auch, dass es grundsätzlich funktioniert. Das Problem ist die Ausnahme. Nicht, dass es mal klappt, wenn die Sterne gut stehen, der Wind von Nordost kommt und man nach dem Aufstehen direkt die Eingebung hatte „heute ist der Tag“.

 

Warum 'Kauf dir einen Planer' nicht funktioniert, und was stattdessen hilft

 

Tipps online oder im privaten Umfeld sind oft auf die sachliche Ebene bezogen. „Kauf dir einen Planer“ setzt an, und setzt voraus, dass das Problem darin liegt, seine Aufgaben nicht zu kennen. „Den Überblick verloren zu haben“. Ja, das kann teil des Problems sein. Ja, da kann ein Planer helfen. Wenn der fünfte Planer dann aber nach zwei Wochen perfekten Eintragens auf dem Stapel (oder seien wir ehrlich: In einer Schublade/Kiste/hinter dem Regal) landet, dann hat das nichts mit „Überblick verloren“ zu tun.

 

Im weitesten Sinne vielleicht schon, aber dazu kommen wir noch.

 

Viel größer ist das Schuldgefühl, das mit dem Planer zusammen schon mal vorbestellt wird. ADHD tax, ebenfalls im weitesten Sinne.

 

Denn der Planer kostet vielleicht zehn Euro, oder vielleicht fünfzehn, weil diesmal meint man es ja ernst. Und wenn es dann nicht klappt, ist das Geld weg und die Motivation auch, denn man hat es ja wieder nicht geschafft. Richtig. Hat man auch nicht. Wer in diesem Teufelskreis war, dem muss ich nicht sagen, dass man es ja zumindest versucht hat. Das ist einem dann ja auch klar, es bleibt einem ja nur übrig, es immer wieder zu versuchen.

 

Und das ist anders, als „jeder ist mal unorganisiert“. Denn nicht jeder hat zu Hause seinen Stapel Planer. Nicht jeder hat einen Stein im Magen, wenn man darauf angesprochen wird, ob es denn diesmal geklappt hat, oder wie es denn läuft, oder wenn man zugeben muss, dass man das nächste Hobby aufgegeben hat, von dem man dachte, diesmal starte ich damit wirklich durch.

 

Also: Nein, nicht jeder. Und deswegen sind wir jetzt hier.